von Alfred Zeiß, Geschäftsführer der Bau Management Forum GmbH, Randersacker
Das Umweltbundesamt gab in seiner Presseinformation Nr. 23/2013 vom 8.5.2013 bekannt, dass die Produktion und Nutzung des Flammschutzmittels Haxabromcyclododecan (HBCD) ab 9.5.2013 weltweit verboten ist. Die hier fraglichen Bromatverbindungen werden von Wissenschaftlern im Menschen, in Tieren, sogar in der Arktis (Eisbären) nachgewiesen, HBCD wurde und wird hauptsächlichen in Dämmplatten, aber auch als Zusatzstoff in Beton, eingesetzt.
Die bautechnische Problemlage

Die bisher verwendeten Flammschutzmittel auf der Basis von HBCD dürfen weltweit weder produziert noch verwendet werden, weil der Stoff alle Kriterien des Stockholmer Übereinkommens über „persistente - gefährliche, krankheitserregende - organische Schadstoffe“ der sogenannten Stockholmer POP-Konvention erfüllt. Bein Brand entstehen nämlich u. a. Dioxine und Furane.

Die 6. Vertragsstaatenkonferenz dieser Konvention hat nun die Aufnahme von HBCD in die sog. POP-Liste beschlossen. Für Deutschland soll es eine Übergangsphase von etwa einem Jahr geben. Darüber hinaus ist HBCD schon seit 2008 von der Europäischen Union als besonders „Besorgnis erregend“ identifiziert und seit 2011 in den Anhang XIV der REACH-Verordnung aufgenommen. Das Herstellen und Verwenden des Stoffes ist nun nicht mehr zulässig.

Das bedeutet die sprichwörtliche Götterdämmung (Ende) für Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) auf der Basis von Polystyrol-Hartschaum.
Zuerst die Wohnnebenkosten vergleichen. Dazu gibt es regionale Vergleichszahlen von Hausgeld-Vergleich e.V. Und wenn überhöhte Kosten sichtbar werden, dann sollte die Suche nach dem Grund und nach Möglichkeiten zur Einsparung folgen. Und da Hausverwalter und Vermieter - bis auf wenige Ausnahmen - hier nicht eigeninitiativ werden, müssen Sie das Heft selbst in die Hand nehmen.
Machen Sie Vorschläge, was getan werden kann. Der Mieter macht dem Vermieter und der Eigentümer dem Hausverwalter Vorschläge, wo eingespart werden kann.
Ein Verbraucherschutzverein wie Hausgeld-Vergleich e.V. ist dabei der richtige Helfer.
Warum gibt es immer höhere Immobilienpreise?
Seit langem sind die grundsätzlichen Probleme solcher Systeme bekannt:
  • Unwirtschaftlichkeit, meist nur zufällig eintretende Amortisation, also erhebliche Differenz zwischen Investitionskosten und damit erreichbarer Energieersparnis;
  • Bauschäden wegen zunehmender Durchfeuchtung der Konstruktion, dann daraus steigender Energieverbrauch;
  • systembedingte Algenbildung auf Fassadenflächen, Auswaschen der Biotide (Algizide, Fungizide), mit denen man Algen und Pilze bekämpft;
  • Anreicherungen der ausgeschwemmten Gifte in Boden und Wasser, Schädigungen der Biodiversität;
  • Kleinnager, Insekten, Ungeziefer, Vögel betrachten diese Fassaden als angenehme Behausung und teilweise als Nahrung;
  • mechanische Belastungen, z.B. Stöße, beschädigen Putzschicht und Dämmung;
  • die allerorts zunehmende „Styroporisierung“ erzeugt, besonders bei Altbauten, unangenehme ästhetische Anblicke und Gebäudebilder;
  • Gesundheitsbelastungen durch Pilzschimmel, später auch aus den gegen Schimmelbildung verordneten Anlagen mit Lüftungsrohren.

Weil das Grundmaterial Polystyrol brennbar ist, darf man es aus öffentlich rechtlichen Gründen des Brandschutzes eigentlich nicht einsetzen. Um das trotzdem zu ermöglichen, entwickelte man eine Norm, demzufolge die Prüfung des Polystyrols so erfolgt, dass es diese besteht, also das „Prädikat“ schwer entflammbar bekommt.

Das allein reicht aber nicht: Man besteht die Prüfung nur, indem man dem Grundstoff chemische Substanzen, sog. Flammschutzmittel, beimischt. Damit erhält man die Zulassungsregelung. Nun darf man das Material bis zur Hochhausgrenze einsetzen, muss aber ab einer Dämmstoffdicke von 10 cm über Öffnungen und Fenstern eine 20 cm hohe Brandbarriere aus nicht brennbarem Material (Mineralwolle) einbauen oder aber alternativ in jedem zweiten Geschoss einen durchgehenden Brandriegel einsetzen, dessen Funktionsfähigkeit zu Recht höchst umstritten ist.

Die Zukunft des Polystyrols: Giftig und teuer?

Die bisherigen WDVS-Konstruktionen haben eine meist eng begrenzte Haltbarkeit. Es stellt sich daher sehr schnell die Frage: Was tut man nach Ende der Lebensdauer bzw. bei planmäßigen oder vorgezogenen Sanierungen mit dem nicht mehr verwendbaren, giftigen Materialien? Vermutlich wird man erneut sehr viel Geld aufwenden müssen, denn die Chance, die Gesamtheit solcher Stoffe einfach als normalen Abfall oder auch bei Müllheizkraftwerken für deren Stützfeuer loszuwerden, erscheint aus heutiger Sicht sehr klein. Meist wird man die Einstufung des Materials als hoch belasteter Sondermüll - mit entsprechenden Entsorgungskosten - nicht vermeiden können.

Man fragt sich also, wer das dann bezahlt, der Eigentümer oder diejenigen, die ehedem geplant und/oder gebaut haben? Darüber wird man trefflich streiten können. Da kommen Erinnerungen an die Zeit der Holzschutzmittel - 70er, 80er Jahre - hoch.

Risiken für Planer und Unternehmer
Flammschutzmittel mit HBCD, aber auch Algizide (z.B. Bestandteil von Deckputzsystemen - Chemikalienrichtlinie, Umweltschadensgesetz, Gefährdung der Biodiversität) sind also grundsätzlich verbotene Stoffe. Verwendet man sie trotzdem, handelten Auftraggeber, Architekten, Unternehmer in der Vergangenheit - jedenfalls öffentlich-rechtlich - nicht verbotswidrig. Das ist aber nur die eine Seite. Denn nicht alles, was nach öffentlichem Recht gerade noch hinnehmbar ist, ist auch zivilrechtlich - also nach den Regeln des BGB und ebenso der VOB/B - unbedenklich. Vielmehr kann die Verwendung von weltweit als schädlich geächteten Giften bei der Herstellung von Gebäuden zumindest seit 2008 - weil man das Thema in Fachkreisen seither heftig diskutierte -, unübersehbare Haftungsrisiken für Architekten und Unternehmer auslösen, mindestens aber umfangreiche Pflichten zu Aufklärung, Hinweisen und deren ausführlicher Dokumentation.
Zum Schluss noch zu den anerkannten Regeln der Technik (a.R.d.T.)
Dem Begriff der a.R.d.T. wird dabei besondere Aufmerksamkeit zu widmen sein, denn ein wie auch immer gearteter, meist reflexartiger Rückzug auf dieses Konstrukt, - Argument: die ausgeführte Leistung entspreche ja den a.R.d.T. - wird in diesem Fall keine Lösung, vermutlich noch nicht einmal einen Ansatz dazu bieten können. Im Gegenteil wird man fragen müssen: Kann die Verwendung von weltweit geächteten und gar verbotenen Giftstoffen noch eine „allgemein anerkannte“ Bauweise sein?
Praxishinweis

Was kann, was soll, was muss man als Eigentümer, Vermieter, Bauträger, Architekt, Unternehmer tun oder was darf man eben gerade nicht tun? Das wird die entscheidende Frage sein, auf die es ankommt. Zu allererst ist dies eine Rechtsfrage, die man als Techniker nicht umfassend beantworten kann. Man braucht daher einen qualifizierten Juristen, der wiederum für eine zielführende Antwort fundierte technische Informationen benötigt; ansonsten werden das Problem und die darauf gegebenen Antworten nicht zusammenpassen.

Alfred Zeiß

Es wird auf den Ergänzungsartikel von Rechtsanwalt Uwe Luz verwiesen:

“Rechtsfolgen des Verbots von WDVS mit Flammschutzmittel HBCD”
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